Wem hast du die Verantwortung gegeben?

Deutsch · Português · English

Du hast dich heute schon einmal beklagt, weil etwas nicht so lief, wie du es wolltest. Zum Beispiel der Chef, der genervt hat. Oder das Wetter, das nicht mitspielt. Die Zeit, die dir fehlt. Die anderen, die nerven.

Ich sage das ab und zu auch. Und dann merke ich, wie so ein Satz ankommt. Er macht die Sache leicht, und genau das macht mich misstrauisch.

Verantwortung abzugeben ist bequem. Solange jemand anderes schuld ist, musst du dich nicht bewegen. Du darfst dich ärgern. Du darfst erzählen, wie unfair alles ist. Und du bleibst dabei genau dort stehen, wo du stehst.

Bewertung ist eine Erfindung des Menschen

Wir teilen den Tag in gut und schlecht, bevor er zu Ende ist. Der Stau am Morgen war schlecht. Der Lunch am Mittag war gut.

Dabei sagt eine Bewertung vor allem etwas über die Person aus, die bewertet. Über die Sache selbst sagt sie nichts. Zwei Menschen stehen im selben Stau. Die eine kommt zu spät zu einem Termin, den sie ohnehin absagen wollte, und atmet auf. Der andere verpasst den Anruf, auf den er seit Wochen wartet. Derselbe Stau. Und trotzdem zwei verschiedene Tage. Gut und schlecht sind erst im Auto entstanden.

Das gilt auch rückwärts. Was du heute als den schlimmsten Tag deines Lebens bezeichnest, kann in fünf Jahren der Tag sein, an dem etwas angefangen hat. Was hat sich bis dahin verändert? Die Sache selbst nicht. Nur dein Urteil darüber.

Wenn du die Bewertung weglässt, bleibt etwas sehr Nüchternes übrig. Nämlich die eine Entscheidung und die Konsequenz daraus. Das klingt hart. Aber für mich ist das das Freundlichste, was ich dir sagen kann. Das Einzige, was nach einer Entscheidung bleibt, ist immer eine Konsequenz. Die Bewertung dazu ist Fantasie. Über die Sache selbst sagt sie nichts aus.

Eine Konsequenz kannst du anschauen. Ein Urteil kannst du nur tragen.

Der Kalender, der nichts dafür kann

Stell dir einen Dienstagabend vor. Jemand sitzt am Küchentisch, der Laptop ist noch offen, die Woche war zu voll. Und schuld ist der Kalender. Zu viel drin, zu wenig Luft, logisch, dass man müde ist.

Dann schaut dieser Jemand nach, wer die Termine eingetragen hat. Er selbst. Jeden einzelnen. Über Wochen hinweg, immer mit derselben kleinen Bewegung: zusagen, weil absagen unangenehm ist. Der Kalender hat ihm nichts angetan. Er zeigt ihm, was er entschieden hat.

So geht es den meisten Menschen, mit denen ich arbeite.

Bei mir sah das anders aus. Ich war immer sehr gut organisiert und habe alles geschafft, was ich mir vorgenommen habe. Genau deshalb hat diese Frage bei mir länger gebraucht. Wenn alles läuft, schaut niemand nach, wer es eingetragen hat. Ich auch nicht.

Wo Verantwortung anfängt

Ich behaupte damit nicht, dass du dir alles selbst eingebrockt hast. Menschen erleben Dinge, die sie sich niemals ausgesucht haben. Krankheit. Verlust. Gewalt. Systeme, die älter sind als sie. Wer dir erzählt, du hättest das bestellt, verkauft dir etwas.

Verantwortung setzt später an. Sie beginnt an der Stelle, wo du fragst: Was mache ich jetzt damit? Diese Stelle gehört dir. Sie gehört dir auch dann, wenn alles davor nicht dir gehört hat.

Es ist Zeit, dass wir aufhören, die Verantwortung abzugeben, und anfangen, sie selbst zu übernehmen. Dann beginnen wir, in die Selbstwirksamkeit zu gehen. Darin liegt der ganze Unterschied zwischen einem Leben, das dir passiert, und einem Leben, das du führst.

Was dir dafür fehlt, ist Bewusstsein

Irgendwann merkst du, dass dir dabei etwas fehlt. Es ist Bewusstsein.

Bewusstsein klingt gross und spirituell. Gemeint ist etwas sehr Kleines: die eine Sekunde, in der du mitbekommst, was du gerade tust. Du hörst dein Ja, während es aus dir herauskommt. Du sagst den Satz über den Chef und merkst dabei, dass du ihn sagst.

Ohne diese Sekunde läuft alles automatisch. Und automatisch landest du in der Opferrolle, denn die ist bequem eingerichtet und du musst dort nichts tun. Mit dieser Sekunde hast du eine Wahl. Nicht immer eine grosse, aber eine.

Bewusstsein ist der Unterschied zwischen etwas tun und etwas entscheiden. Und alles, was danach kommt, hängt an dieser einen Sekunde.

Selbstwirksamkeit ist ein Muskel

Der Gedanke, dass du an deiner Realität beteiligt warst, wirkt im ersten Moment wie ein Vorwurf. Dreh ihn um. Wenn du daran beteiligt warst, bist du auch an dem beteiligt, was als Nächstes kommt. Das ist die günstigste Nachricht des Tages.

Und sie fängt klein an. Du sagst einmal Nein, wo du sonst automatisch Ja sagst. Du schreibst die Mail, die seit elf Tagen in deinem Kopf liegt. Du sagst deiner Kollegin den Satz, den du bisher runtergeschluckt hast. Jede einzelne dieser Bewegungen ist winzig. Zusammen verändern sie, wem du zutraust, am Steuer zu sitzen.

Die Frage, die alles verschiebt

Statt: Warum passiert mir das?

Lieber: Was ist mein Anteil, und was mache ich damit?

Die erste Frage sucht einen Schuldigen und findet immer einen. Die zweite Frage sucht einen nächsten Schritt und findet meistens auch einen. Beide Fragen dauern gleich lang.

Menschen meiden die zweite Frage, weil sie Angst vor der Antwort haben. Wenn du deinen Anteil siehst, kannst du ihn nie mehr übersehen. Dann musst du etwas tun. Und etwas zu tun ist anstrengender, als recht zu haben.

Deine Schuld steht hier nirgends zur Debatte. In fast jeder Situation liegt ein Stück, das dir gehört. Meistens ein kleines. Und dieses kleine Stück ist der einzige Ort, an dem du überhaupt etwas bewegen kannst.

Alles hat eine Ursache. Es gibt eine Kette, die zu diesem Moment geführt hat, und ein paar Glieder dieser Kette hältst du selbst in der Hand.

Was ich dir mitgebe

Nimm dir diese Woche eine einzige Sache, über die du dich regelmässig ärgerst. Eine, die du seit Monaten jemand anderem zuschreibst. Und dann such nach dem einen Prozent, das dir gehört. Such danach, um zu sehen, wo dein Hebel liegt.

Wenn du ihn gefunden hast, schreib mir. Ich lese jede Nachricht selbst.

Zurück
Zurück

Die Bedingung, die niemand mitsagt

Weiter
Weiter

Selbstbestimmte Geburt in der Schweiz: Warum ich heute mit Luna Vita live gehe